JH MMXVII

Johann Hendrix

Pastorale

Pastorale. Angesichts Jacob Jordaens, 2007, 80x520 cm, St. Markus, Essen-Bredeney


Anbetung der Hirten - neu gemalt

RHEINISCHE POST, Düsseldorf / 24. Dezember 2007

Im Jahre 1636 malte der Niederländer Jacob Jordaens die biblische Szene „Anbetung der Hirten“. Jetzt erhielt der Duisburger Künstler Johann Hendrix den Auftrag, dieses Bild neu und auf seine Art zu malen. Entstanden ist ein Fries und eine spannende Deutung.

Von Lothar Schröder

Am Anfang stand ein Malauftrag. Der lautete für den Künstler Johann Hendrix: Er solle sich vom Ölbild „Anbetung der Hirten“, das Jacob Jordaens 1636 gemalt hatte, inspirieren lassen – zu einem ganz neuen Bild. Ein Werk sollte entstehen, das sich mit Jordaens auseinandersetzt, sich einlässt aufs 17. Jahrhundert und für das 21. Jahrhundert eine angemessene Bildsprache findet. So oder ähnlich lautete der Malauftrag der St. Markus-Gemeinde in Essen-Bredeney, die im Seitenschiff ihrer Kirche den alten Jordaens hütet. Ein solcher Auftrag ist riskant, sein Ergebnis aber mutet verwegen an: „Pastorale“ heißt die Arbeit, die aus der dichten Bildkomposition bei Jordaens einen Fries machte. Aus dem Nebeneinander der Figuren ist recht augenscheinlich ein Nacheinander geworden. Der erste Zugang könnte ein kleines Suchspiel sein: Denn alle vier Figuren lassen sich ohne große Probleme bei Jordaens (1593–1678) wiederfinden. Erst darauf folgt das Staunen – nämlich darüber, für welche Figuren sich der frühere Meisterschüler der Düsseldorfer Kunstakademie entschieden hat: Maria steht am Anfang, das spielende Kind folgt, das bei Jordaens das Jesuskind mit einem kleinen Geschenk wie einen Spielgefährten begrüßt. Und nach ihm der neugierige Alte, der sich in der „Anbetung“ gierig nach vorne drängt. Schließlich die Magd, die Jordaens mit einem Gefäß auf dem Kopf zwar zentral platzierte, aber doch sehr weit hinten. Aber Gottes Sohn? Tatsächlich bleibt er ungemalt, und dennoch ist Jesus auch im Fries da. Schließlich ist es seine Geburt, die die Menschen in dieser Nacht, in dieser Konstellation und an diesem Ort zusammenführt. Gottes Sohn ist der Mal-Anlass, bei Jordaens wie auch in dessen Nachfolge bei Hendrix. Die Geburt Jesu bleibt der eigentliche Malhintergrund, vielleicht ist sie die noch unbemalte Leinwand. „Du sollst dir kein Bildnis machen“, lautet das zweite der Zehn Gebote und meint: Das Göttliche soll nicht im Bild vereinnahmt und nicht als Bild vergleichbar werden. Im Fries ist Gottes Sohn überall präsent, und doch sehen wir ihn nicht. Sein Geheimnis bleibt gewahrt. Was stellt der Fries – mit einem Seitenblick auf Jordaens – mit uns an? Er bietet uns zwischen den Porträts abstrakte Malflächen; ihre Farben verweisen auf Jordaens, das Monochrome spendet Ruhe, gewährt eine kleine Sehpause, die uns wieder aufmerksamer werden lässt für das nächste Porträt. Jeder Abstraktion folgt ein Abbild – die „Pastorale“ ist ein Wechselspiel, das, übersetzt in die Sprache der Musik, der Struktur eines Oratoriums gleicht. Jordaens „Anbetung der Hirten“ wirkt wie eine Momentaufnahme. Mit dem Fries ist plötzlich Zeit in die Szene geraten, das Standbild hat sich zur Erzählung gewandelt. In dieser „Geschichte“ steht das Kind in der Mitte, vielleicht stellvertretend für das Unbegreifbare: Dass nämlich Gott zu uns nicht als Weltenherrscher gekommen ist, sondern als Kind, hilflos und schutzbedürftig. Gleich daneben der Alte, ein Neugieriger, in dem das uneitle Selbstporträt des Malers steckt. Mit seiner Geschichte wird das Malen selbst, die Kunst zum Thema. Aber am Anfang und am Ende stehen die Frauen. Maria am Beginn des Lebens und die Magd am Ende, in deren Bildnis die graphische Struktur der Farbfelder ein Kreuz ahnen lässt. So wird im Gesicht der Magd die spätere Bestimmung des Neugeborenen sichtbar – sein Kreuzestod. Und dass es eine Frau ist, die dies bezeugt, ist kein Zufall. Denn Frauen sind es, die auf Golgatha furchtlos unterm Kreuz stehen, während die Jünger aus Furcht längst das Weite gesucht haben. Wer weiß, ob im Fries von Johann Hendrix nicht Maria von Magdala hinzugetreten ist. Natürlich hat dieser Malauftrag den alten Jordaens verwandelt. Aber die Geschichte ist geblieben, nur neu und anders erzählt von Johann Hendrix. Seine Porträts und mit ihnen der gesamte Fries atmen die Gegenwart, weil die Geburt Jesu nichts fürs Museum ist. Sie ereignet sich unter uns – im Glauben. In der „Pastorale“ kehrt die „Anbetung der Hirten“ wieder, und in dieser Wiederkehr bleibt der Ursprung erkennbar. Man kann beide Kunstwerke miteinander vergleichen und es spannend finden, Gleiches zu entdecken, Unterschiede aufzuspüren. Man kann aber auch nur staunen, über diesen Brückenschlag zwischen beiden Werken, der fast 400 Jahre misst. Und hinter dem sich ein noch viel größerer Brückenschlag verbirgt: von Christi Geburt in unsere Gegenwart hinein.

Kapelle in St. Markus, Essen-Bredeney

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