JH MMXVII

Johann Hendrix

Madonna

St. Hedwig, Essen-Altenessen. Neugestaltung Ulrich Hahn 1999/2000. Johann Hendrix, Madonna 2010.
Digitaler Druck auf Trevira, 400 x 500 cm



„O eilet, sie zu schauen...“*

Die „Madonna“ von Johann Hendrix für St. Hedwig in Essen-Altenessen

"das münster" 4/2010 63. Jahrgang

Herbert Fendrich

War Maria schön? Die Bibel hält sich bedeckt. Also: Wir wissen es nicht. Und wir können uns daher fragen: Warum überbieten sich die Lieder, die wir singen, im Lobpreis „der schönsten aller Frauen“, der „wunderschön prächtigen“? Und warum suchen viele Maler und Bildhauer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ihrer Kunst einen sinnlichen Ausdruck für diese Schönheit?
Ein Antwortversuch kann in zwei Richtungen gehen. Dass es nicht um ein äußeres Erscheinungsbild geht, um die „historische Wahrheit“, wie Maria in etwa ausgesehen haben mag: Das versteht sich fast von selbst. In der Geschichte der Kunst waren die „Schönheit“ und die jeweils zeitgebundenen „Schönheitsideale“ ein zentrales Ausdrucksmittel. Das galt auch für die christliche Kunst. Dort wurde das „Schöne“ sehr entschieden als Hinweis auf das „Göttliche“ und „Heilige“, auf eine „überirdische“ Wirklichkeit verstanden. In einer „schönen Maria“ wurde anschaulich: Das ist ein Mensch – nicht ganz von dieser Welt.
  In einem zweiten Schritt könnten wir noch darüber nachdenken, was diese „Schönheit“ bewirkt. In einem religiösen Kunstwerk geht es ja nicht um „Augenlust pur“. Wer die Anziehungskraft des Schönen, seine „Attraktivität“ an sich heranlässt, wird merken: Sie zielt auf unser Herz! Die „Schönheit“ will uns berühren, ergreifen, unsere Zuneigung und „Liebe“ wecken. In der „schönen Maria“ ist es Gott selbst, der auf uns „anziehend“ wirken will, der, dessen Liebe zu den Menschen Fleisch angenommen hat. In der Menschwerdung seines Sohnes – von der Jungfrau Maria. Mit dieser frohen Botschaft uns anzustecken: Das ist der Sinn des Lieb-Reizes der Gottesmutter.


Ave Maria

Die „Madonna“ von Johann Hendrix ist aber nicht nur schön und bringt so die „anziehende“ Liebe Gottes zu uns Menschen zum Ausdruck. Das Thema dieser „Madonna“ ist die Menschwerdung Gottes. Ganz direkt und – so merkwürdig das klingt – ganz verborgen. Das gilt es zu erklären. Johann Hendrix bezieht sich in diesem Werk auf ein Bild des italienischen Malers Antonello da Messina (1430– 1479), eine sogenannte „Virgo annunziata“.
Das ist eine kluge Bildidee, die in der italienischen Kunst des 15. Jahrhunderts entwickelt wurde. Im traditionellen Verkündigungsbild sehen wir einen Engel, der Maria die wunderbare Empfängnis und Geburt ankündigt: „Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären ...“. Das Problem dieser Bilder: Der Engel, der Bote Gottes aus einer ganz anderen Welt, wird sichtbar gemalt. Obwohl man ihn doch „eigentlich“ nicht sehen kann. Die Bildidee der „Virgo annunziata“: Es wird „nur“ Maria gemalt. Im Moment der Verkündigung. Damit war das Problem gelöst. Der unsichtbare Engel bleibt unsichtbar.
     Aber die Maler hatten sich nun ein neues Problem eingehandelt. Sie mussten Maria so malen, dass wir sehen, dass sie etwas sieht, was wir nicht sehen. Nicht so ganz einfach. Antonello verzichtet auf jede äußerliche Aufgeregtheit; aber wieviel Aufmerksamkeit und ruhige Konzentration drückt sich in diesem mehr nach innen als nach außen gerichteten Blick aus! Eine stille Nachdenklichkeit liegt auf diesem wunderbar jungen Gesicht – und vielleicht ein ganz leises Lächeln.
     Das ist bemerkenswert, die Geschichte von der „Verkündigung“ so zurückhaltend – mehr verborgen als offensichtlich – zu erzählen. Es ist ja ein entscheidender Augen-Blick – in diesem Bild im wahrsten Sinn des Wortes – der Heilsgeschichte. Hier beginnt die Geschichte Gottes mit den Menschen ganz neu, hier empfängt die Jungfrau den Gottessohn, der in ihr und durch sie zur Welt kommen will.


Erleuchten

Johann Hendrix ist seinem Vorbild in dieser zurückhaltenden Konzeption gefolgt und hat sie in seine Bildsprache verwandelt. Diese künstlerische Transformation betrifft insbesondere das zentrale Ausdrucksmittel Antonellos, das wir noch gar nicht erwähnt haben: das Licht. Maria wird uns als „Erleuchtete“ gezeigt. Im Bild für St. Hedwig ist es kein Lichtoval wie beim Maler der Renaissance. Für Johann Hendrix ist es charakteristisch, dass er Landschaften, Gegenstände oder auch Gesichter von Menschen in größere und kleinere Farbflächen zerlegt und so voneinander abgrenzt, dass eine wesentlich von Horizontalen und Vertikalen geprägte Ordnung entsteht. Diese Geometrisierung verleiht der „Schönheit“ seiner Bilder eine Strenge und Klarheit, eine „Unwirklichkeit“, die wir ruhig als Ausdruck von Jenseitigkeit und Ewigkeit verstehen dürfen. Ein schöner Nebeneffekt dieser strengen Bildordnung: Unser Auge wird aktiv, möchte das „Abstrakte“ mit Leben füllen. Und so wird im Prozess des Sehens der dargestellte Mensch in uns lebendig!
     In der „Madonna“ sind nun die Farbflächen so geordnet, dass auf dem Gesicht deutlich ein Lichtkreuz erkennbar ist. Eine vieldeutige Bildidee. Man kann daran denken, dass der Engel Maria verheißen hat: „Die eine Kraft des Höchsten wird dich überschatten“. Aus der „Überschattung“ wäre hier eine „Überleuchtung“ geworden. Es sei aber auch daran erinnert, dass in der Tradition der christlichen Bilder zur Thematik der „Menschwerdung Christi“ (Verkündigung, Geburt, Anbetung der Könige ...) immer wieder die Künstler daran zu erinnern suchten, dass die Menschwerdung des Gottessohnes in die Passion mündet, zum Tod am Kreuz führt. In Bildern des „Anfangs“ leuchtet schon das „Ende“ auf. Auch in der „Madonna“ von Johann Hendrix.


Empfangen

Das großformatige Tuch mit der „Madonna“ wird zu den Marienzeiten und Marienfesten den Kirchenraum von St. Hedwig prägen. Da liegt die kritische Frage nahe, ob dieses Bild nicht zu sehr die Aufmerksamkeit auf sich zieht und vom Wesentlichen ablenkt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich möchte nur zwei Aspekte nennen: Wenn wir im Bild die vom Engel angesprochene Maria sehen, den Engel aber nicht, treten wir als „Gegenüber“ in die Rolle des Engels ein. Und vielleicht erinnern wir uns dabei daran, dass wir die Gottesmutter mit denselben Worten ansprechen wie der Engel in der Verkündigungsgeschichte: Ave Maria.

So trat der Engel bei dir ein:
„Gegrüßet seist du, Jungfrau rein.“
„Ave Maria“ singen wir,
„sei benedeit, Gott ist mit dir.“
(Maria, Mutter unseres Herrn.
 Gotteslob 577, 3. Strophe)

Und wie ist das bei der Eucharistiefeier? Wenn wir bei der Kommunion den Leib Christi empfangen? Ich meine, auch da kann uns dieses Bild nicht ablenken, sondern zum Wesentlichen führen. Zeigt es nicht eine junge Frau als Empfangende? Ja, auch dort findet eine „Kommunion“ statt. Und es ist der Leib Christi, den Maria in sich tragen und zur Welt bringen wird.

Dr. Herbert Fendrich ist Bischöflicher Beauftragter für Kirche und Kunst im Bistum Essen und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für „das münster“.

* Der Text entstammt einem Faltblatt, in dem der Autor das Kunstwerk für die Gemeinde erschlossen hat.

See more in Religion

Read more in Religion